99 Ways to Tell a Story

Matt Madden, 2005

99 Ways to Tell a Story, Matt Madden

♥ ○ ○ ○

Kaum ein Schüler wird an Raymond Queneaus Exercices de Style (1947) vorbeigekommen sein, in dem der französische OULIPOte dieselbe alltägliche Geschichte auf 99 verschiedene Arten erzählt. Der Reiz dieses Büchleins liegt in der Erkenntnis: Nicht nur WAS man erzählt, auch WIE man erzählt macht die Geschichte aus! Eine dankbare Legitimation für alle Germanistikstudierenden.

Der Zeichner Matt Madden setzte in 99 Ways to Tell a Story dieses Konzept im Comic um und zeichnet dieselbe Geschichte in 99 verschiedenen Stilen. Als Fan von Quenau war die Anschaffung dieses Büchleins ein Muss für mich. Was könnte es Spannenderes geben als Stilübungen in diesem Medium, das noch einmal vielseitiger ist als rein textliche Literatur!

Doch dieses Büchlein verspricht schon auf dem Titelbild etwas gar viel: Der Blick ins Innenleben “amuses” micht nicht noch “inspires” mich. Da finden sich jede Menge Stilübungen, die nichts spezifisch mit Comic zu tun haben, sondern in jeder erzählenden Kunst angewendet werden:

99 Ways to Tell a Story, Matt Madden

(„Monologue“)

Das sind letztendlich Kopien von Queneau. Weiter hat sich Madden – zwar gekonnt, aber unoriginell – in Zeichenstilen bekannter Genres oder Zeichner geübt:

99 Ways to Tell a Story, Matt Madden

(„Dailies“)

Die bereits bekannten Mainstream-Stilrichtungen hat er aber nicht weiterentwickelt, geschweige denn Unbekanntes zutage gefördert. Nur wenige Stilübungen setzen sich überhaupt mit den spezifischen Möglichkeiten des Comics auseinander:

99 Ways to Tell a Story, Matt Madden

(„Subjective“)

Und etwa genau eine hat mich zum Nachdenken gebracht:

99 Ways to Tell a Story, Matt Madden

(„A Newly Discovered Fragment of the Bayeux Tapestry“)

So muss ich fazitieren: Ein Blick in meine eigene kleine Comicsammlung ist ungleich viel reicher und inspirierender als die konventionelle Durchdeklinierung von Comicstilen in 99 Ways to Tell a Story. Schön, dass es in dem Fall ab Nummer 100 erst richtig losgeht…

PS, eine editorische Bemerkung sei erlaubt: Das Buch ist – in dieser Ausgabe – auf unfreudigem Billigpapier gedruckt. Das kommt bei einem Comic, welcher das WIE des Erzählens thematisieren möchte, nicht so gelegen. Es ist mir nicht bekannt, ob die spätere Ausgabe bei Jonathan Cape (2006) etwas liebevoller gestaltet ist. Wenn schon anschaffen, wäre dies ein Versuch wert.

Chamberlain Brothers, ca. 15 Euro

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