A.L.I.E.E.N.

Lewis Trondheim, 2004

A.L.I.E.E.N., Lewis TrondheimA.L.I.E.E.N., Lewis Trondheim

♥ 

Dieses Buch ist störrisch.

Zunächst verweigert es sich seiner Autorschaft. Der grosse französische Zeichner Lewis Trondheim habe auf einem Familienausflug zufällig ein Manuskript eines ausserirdischen Kinder-Comics gefunden und es seinem Verlag zur Publikation übergeben. Dieser hat sich diesem Abenteuer unter dem Titel “Anthologie Lustig Illustrierter Eigentümlicher Extraterrestrischer Novellen” angenommen. (Bloss schade, dass es dem sonst so grandiosen Verlag Reprodukt nicht zu etwas mehr Witz gereicht hat, sondern Lewis Trondheim ganz konventionell als Autor und nicht etwa als Herausgeber auf dem Titelblatt erscheint…)

Logischerweise verweigert sich das Buch auch der verständlichen Sprache. Kryptische Zeichen in den Sprechblasen betonen das sprachliche Unverständnis. Dafür sprechen die Bilder. Und wie.


A.L.I.E.E.N., Lewis Trondheim

Die Bilder sind farbig, bunt, Bonbon. Auf den ersten Blick ist es tatsächlicher Kinder-Comic, wie angekündigt. Doch dann wird schon im sechsten Panel das erste Geschöpflein blutig aufgespiesst. Schnell ist klar: Das Buch verweigert sich auch dieser letzten Sicherheit, seiner Gattungsbezeichnung. Im “Happy Tree Friends”-Stil geht das Bluten und Quälen weiter, kindlicher Stil und drastische Brutalität kompensieren sich gegenseitig. Und wenn das kleine, violette Kulleräugchen bereits am Boden liegt, wird nochmals draufgehauen. Bis schliesslich (fast) alles in einer Sintflut aus Ausserirdischen-Kacke versinkt.

Doch soll der Vergleich mit “Happy Tree Friends” herhalten, muss auch der Unterschied dazu betont werden. Während die TV-Serie bloss rohe Gewalt zeigt, die im niedlichen Animationsstil potenziert wird, vergräbt sich beim Comic A.L.I.E.E.N. eine zusätzliche Bedeutungsebene. Angst, Zugehörigkeitsdrang, Streben nach Besserung, Bedürfnis nach Zuneigung – solche basale Dinge bestimmen diese Ausserirdischen ebenso wie uns Innerirdischen. Die Leistung des anonymen Autors – nur Lewis Trondheim können wir in unserem verzweifelten Rätselraten ausschliessen – besteht in diesem Brückenschlag zwischen Fremdem und Allzu Bekanntem. Dass dies ohne Sprache möglich ist, verdankt sich diesem grossartigen Medium. Äh – dieser extraterrestrischen Kunstgattung. Oder einfach diesem störrischen Büchlein.

Reprodukt, 12.- Euro

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