Cash. I See a Darkness

Johnny Cash

Reinhard Kleist, 2006

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Johnny Cash’s Musik hat uns als Millennium-Teenager mit dem Kinohit „Walk the Line“ 2005 infiziert. Monströs ergreifend war uns die Stimme dieses alten Herrn, mit Vinyl-Rauschen im Drogen-Rausch aufgenommen. Die Kinofilme der alten Musikhelden (auch „Ray“ 2004) hatten uns Authentizität suggeriert. Wir wussten nun, wie dunkel es in diesen grossen Seelen war. Und da wir es zu verstehen meinten, wurden unsere Seelen selbst ein bisschen gross.

Was man als Teenager selbstverständlich nicht versteht, ist die Durchtränkung der eigenen Gefühle durch Marketingstrategien. Dass Johnny Cash’s filmische Abgründe, Höhenflüge und seine Unsterblichkeit einer ausgeklügelten Dramaturgie folgten. Dass sie uns ab der ersten Minute vergessen lassen, dass wir in Joaquin Phoenix nie Johnny Cash sehen werden (und dabei spielte er verdammt gut).

Vielleicht wäre es jedoch besser, man bliebe Fremde.

Das ist der Grund für den Comic von Reinhard Kleist zu Cash. Es stört hier keine gefilmte Menschlichkeit, die sich trügerisch als Echtes ausgibt. Ich sehe: Cash ist gezeichnet, teilweise fast hingerotzt. Ich sehe: How Cash shoots a man in Reno just to watch him die. Ich sehe: Wie Cash schiesst und es doch nicht tut. Ich sehe Cash vor allem nicht an seiner Hochzeit enden, sondern darüber hinaus altern. Es gibt kein glattes Leben, es gibt Brüche. Das Leben halt. Nur unter falscher Anstrengung zu einer Sauce zu synthetisieren.

Und auch wenn ich bis heute unschlüssig bin, ob ich dem Menschlichen an Johnny Cash überhaupt näher kommen will, oder ob mir die Erinnerung seiner Lieder aus dem Walkman der Jahrtausendwende genügt – wenn ich es versuchen wollte, dann würde ich dazu den Comic wählen.

Johnny Cash Johnny Cash Johnny Cash Johnny Cash

Gelesen in der Ausgabe der Süddeutschen Zeitung Bibliothek Bd. 9, 2011

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