Le fils de l’ours père

Nicolas Presl, 2010

Le fils de l'ours-pèreLe fils de l'ours-père

In Berlin wurde heute Comic als Kunst ausgerufen. Mit keinem Werk könnte dies Unüberzeugten eindringlicher bewiesen werden als mit Le fils de l’ours-père.

In schlichtem Schwarz-Weiss entfaltet Nicolas Presl ein gestaltendes Genie, das seine glühende Verehrung Picassos durchscheinen lässt. Die Körper der Figuren sind in ausdrucksstarken Verrenkungen, in freier Perspektive gezeichnet, die Gesichter nicht selten kubistisch hingewürfelt. Und trotzdem – nein, gerade deswegen – sind sie unfassbar lebendig.

Jede einzelne Seite ist ein Gemälde. Beim Betrachten überfiel mich unentwegt das Verlangen, das Buch mit grösster Vorsicht auseinanderzuschneiden und in meiner Wohnung zu verstreuen. Ich verliebte mich in den utopischen Gedanken, mich eines Tages an den Bildern sattsehen zu können.

Doch es sind nicht nur die Bilder, es ist auch die Geschichte, die begeistert. Ohne ein einziges Wort erzählt Nicolas Presl von einem Vater, der (aus Versehen?) eine Bärin erschiesst und darauf deren Bärenjunges zu sich nach Hause nimmt und aufzieht. Der erwachsen gewordene Bär schwängert jedoch die Frau des Vaters und damit seine eigene Stiefmutter. Dieser Kern der Geschichte entspringt dem antiken Ödipus – wobei Presl diesen mythischen Stoff aktualisiert und komplexer gestaltet. Zudem erweitert sich die Geschichte um eine Generation, derjenigen des Zwittersohns, eben des Sohns des Bären Vaters, der halb Mensch und halb Bär ist.

Le fils de l'ours-père

In atmosphärisch dichten Bildern entwickelt sich eine Suche nach der eigenen Identität. Dadurch, dass das Anderssein symbolisch mit Bären dargestellt wird, ist dieses Werk eine Hommage auf alles Anderssein in der realen Welt. Das Büchlein strahlt von der Intelligenz und künstlerischen Bildung seines Autoren, der sich nach bildhauerischer Tätigkeit dem Comic zugewendet hat.

Le fils de l’ours père, das ohne Worte so viel erzählt, darf in keinem Comic-Regal fehlen. Wirklich nicht. Zum Glück gibt es noch weitere Publikationen desselben Autoren (mit Stolz: im schweizerischen Verlag Atrabile). Zu hoffen sei, dass solche Werke den französisch- und deutschsprachigen Comic-Markt zusammenbringen werden und mithelfen, Comic als neunte Kunst zu etablieren.

The Hoochie Coochie, ca. 20.- Euro

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