Mein Freund Dahmer

Derf Backderf, 2011

Mein Freund Dahmer Mein Freund Dahmer

♥ ○ ○ ○

Die Kritiken überschlagen sich vor Lob über diese Graphic Novel. Sie hat ein dankbares Thema: Der Autor, Derf Backderf, ist mit einem der berühmtesten Serienmörder, Jeff Dahmer, in die High School gegangen. Derf Backderf berichtet nun über den steten Zerfall dieses Aussenseiters, zeichnet dessen wachsende Verzweiflung bis hin zum ersten Mord. Der Autor will damit den Menschen hinter dem Monster sichtbar machen, aufzeigen, wie äussere Umstände (Scheidung der Eltern, Ödnis der Suburbs der 70er Jahre, Ignoranz der Erwachsenen) zur Katastrophe führten. Ein gefundenes Fressen für die Buchindustrie: Ein ernsthaftes Thema mit sensationslüsternen Elementen, autoritäre Authentizität – schliesslich hat der Autor alles hautnah miterlebt – und saubere Zeichnungen. Eine gute Rezeptur, um eine Graphic Novel in Geld zu verwandeln. Und zugegeben: Sie liest sich flüssig.

Doch wo reinster Lobreigen anbricht, kriecht mir Skepsis in die Magengegend. Das bessert sich nicht, wenn die deutsche Ausgabe mit Rechtschreibefehlern gespickt ist.

Was stört also?

Das Buch dreht sich eigentlich nicht um den Serienmörder Dahmer, sondern um den Autoren selbst. Schon der Titel: “Mein Freund Dahmer” zeugt von der Fassungslosigkeit des Autoren, den Serienmörder gekannt zu haben. Was mich hingegen fassungslos macht, ist das Wort Freund. Denn Dahmer wird durchgehend als geduldeter Hofnarr dargestellt. Dies kann meinem Verständnis nach nicht einmal im Amerikanischen als “friend” bezeichnet werden.

Die Selbstbeweihräucherung geht im Vorwort weiter. Die vorliegende Graphic Novel sei “besser gezeichnet als alles, was ich bis dahin gemacht habe” (S. 10). Die Zeichnungen sind an den Zeichner Robert Crumb angelehnt, während sie aber clean und hölzern wirken. Ich sehe keine eigenständige Handschrift darin, die mich gepackt hätte.

Auch der Erzählfluss, der dem Autoren laut Vorwort gelungen scheint und von einer neuartigen Klarheit sei, durchbricht manchmal eine Grenze zum Emotionen-Kitsch. So wird eine Szene dargestellt, in der Dahmer einen Hund zu töten versucht und an Mitgefühl scheitert. Der Kommentar dazu: “Es war das erste Mal, dass Jeff ein lebendes Tier töten wollte. (…) Es war auch das letzte Mal, dass er GNADE zeigte” (S. 106). So gibt es im Buch viele erste und letzte Male, die effekthascherisch dargestellt werden. 

Die grösste Schwachstelle finde ich jedoch die Position des Autoren zum Geschehenen. “Oft werde ich gefragt, warum ich nie etwas gesagt habe. Warum ich Dahmer nicht zu helfen versuchte. Aber das war 1976. Man ‘verpfiff’ seine Kumpels damals nicht. Ausserdem waren wir nur dumme Kleinstadtjungs. (…) Die wichtigste Frage ist… WO WAREN DIE ERWACHSENEN?” (S. 66-67). Er selbst zieht sich aus der Affäre, indem er auf die 70er Jahre verweist und auf seine Dummheit. Doch warum gelten diese plumpen Argumente nicht ebenso für die Erwachsenen? Wer andere Menschen und widrige Umstände anprangert, sollte sich auch intensiver fragen, wie man selbst zu seinem „Freund“ gestanden ist. Wenn Derf Backderf seine Bekanntschaft zu Dahmer vermarktet, müsste er auch zur Wichtigkeit seiner eigenen Rolle stehen.

So dreht sich diese merkwürdige Graphic Novel um den Autoren selbst, um dessen Fassungslosigkeit, um dessen anprangernde Gefühle, lässt jedoch genau das Zentrum dieses Sprudels, den Autoren, leer. Er hat sich therapiert, indem er sich selbst verdrängte. Und diese gescheiterte Heilung wird in einen Schein des Wissenschaftlichen gedrängt – wie mit den merkwürdig subjektiven, auffallend umfangreichen Anmerkungen und der Vermarktung als Sachbuch.

Metrolit, ca. 23.- Euro

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